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Zündstoff für eine Kirche von morgen

Wer heute über Kirchenentwicklung spricht, kommt an Charismen nicht vorbei. Zahlreiche deutsche Diözesen arbeiten an Konzepten, um Seelsorge stärker an den vorhandenen Charismen der Gläubigen vor Ort auszurichten. Doch was sind Charismen überhaupt?
Zündstoff für eine Kirche von morgen
Zündstoff für eine Kirche von morgen
© NETZ-Magazin

Wer heute über Kirchenentwicklung spricht, kommt an Charismen nicht vorbei. Zahlreiche deutsche Diözesen arbeiten an Konzepten, um Seelsorge stärker an den vorhandenen Charismen der Gläubigen vor Ort auszurichten. Doch was sind Charismen überhaupt? Und was bedeuten sie für die Kirche? NETZ sucht nach Antworten – und entdeckt einen Begriff mit Zündstoff.

Was sind Charismen?

Charismen sind im christlichen Kontext Gnadengaben, die der Heilige Geist allen Menschen schenkt. Sie sollen zum Wohl aller Menschen und zum Aufbau des Reiches Gottes von Kirche und Gesellschaft genutzt werden. Mit Charismen ist ein Auftrag Gottes, eine Mission verbunden: Wer sein Charisma entdeckt hat, soll es nicht für sich behalten. Er erfährt sich als wirksam für sich und für andere. Wer von Charismen spricht, sieht zugleich die Verbindung zu Gott und zur Gemeinschaft der Gläubigen. Gemeinsam sind sie Gottes Kirche und dazu berufen, an seinem Reich in der Welt mitzubauen.

Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen – wie unterscheiden sie sich von Charismen?

Anders als Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen können Charismen nicht durch Lernen, Training oder Reflexion erworben, wohl aber ausgebaut werden. Charismen setzen eine Begabung oder ein Talent voraus, sind aber ein Plus der Persönlichkeit, durch das sich die Berufung eines Menschen zeigt. Gefunden werden sie durch einen achtsamen Blick auf sich selbst, durch die Rückmeldungen anderer und in einer lebendigen Beziehung zu Gott.

Was Charismen nicht sind

Charismen müssen nichts Außergewöhnliches sein. Häufig sind sie auch etwas Alltägliches, etwas, das für notwendig, aber nicht für besonders oder wertvoll gehalten wird. Sie sorgen auch nicht automatisch für gute Laune und für Hochstimmung. Manchmal sind sie für denjenigen, der diese Gabe hat, sowohl Geschenk als auch als Last.

Welche Charismen gibt es konkret?

Bereits in der Bibel bei Paulus sind Charismen aufgezählt. Darunter fallen etwa Charismen des Lehrens, des Vorstehens, der Weisheit und des Glaubens. Heute werden auch Charismen wie zum Beispiel Kreativität, Gastfreundschaft und Barmherzigkeit dazugezählt. Eine feste Zahl von Charismen gibt es nicht. Der Heilige Geist weht, wann und wie er will. Christen dürfen darauf vertrauen, dass der Heilige Geist gerade in Zeiten der Krise und des Wandels ausreichend Charismen für die Kirche schenkt. Sicher ist: Kein Charisma ist wichtiger als das andere. Nur im Zusammenspiel entwickeln Charismen ihr volles Potenzial für die Kirche.

Warum Charismenorientierung?

Die katholische Kirche erlebt derzeit einen Wandlungsprozess: In vielen Pfarreien verändert sich das kirchliche Leben radikal, vieles verschwindet oder geht in die Brüche. Tatsächlich verschwindet aber nur eine bestimmte Form von Kirche, nicht aber der Glaube an sich oder die Botschaft des Evangeliums. Mehr noch: An vielen Stellen geschehen bereits Aufbrüche. Neue Formen von Kirche zeigen sich hier und heute. Partizipation und Mitgestaltung ermöglichen, die Taufwürde aller Gläubigen ernst nehmen – diese Vorstellungen können ohne den Blick auf Charismen nicht Wirklichkeit werden. Für den Veränderungsprozess der Kirche wirken Charismen wie Zündstoff, der das Feuer des Evangeliums neu entfachen und aufflammen lassen kann. Das ist aber nicht ohne Risiko: Wer sich auf Charismen einlässt, muss zulassen, dass Unerwartetes Raum bekommt und möglicherweise etwas ganz Neues entsteht. Wer meint, auf bestimmte Charismen verzichten zu können, muss immer damit rechnen, dem Heiligen Geist die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Wer Charismenentwicklung halbherzig als Programm zur Mitarbeitergewinnung versteht und einfach so weitermacht wie bisher, wird höchstwahrscheinlich scheitern und letztlich für mehr Frustration sorgen.

Was verändert sich?

Die Arbeit mit Charismen setzt eine klare Entscheidung voraus: Glauben wir daran, dass der Heilige Geist allen Menschen Charismen schenkt? Glauben wir daran, dass das Reich Gottes überall in dieser Welt – und damit weit über die Kirche hinaus – Wirklichkeit werden kann? Damit verändert sich nicht nur das Denken über das, was wir als Kirche verstehen, sondern es kommt auch zu einem Paradigmenwechsel in der Seelsorge, der die Rollen von Ehren- und Hauptamtlichen kräftig durcheinanderwirbelt. Wer auf Charismen setzt, muss sich schon allein aus Ressourcengründen von der Mentalität verabschieden, alle Christen versorgen zu wollen. Im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch in seiner Beziehung zu Gott und mit allem, was er an Gaben und Fähigkeiten mitbringt. Gläubige sind nicht mehr Konsumenten kirchlichen Lebens, sondern Gestalter einer Kirche, die weniger unterscheidet zwischen einem Drinnen und Draußen, sondern zuerst wertschätzend und offen ist gegenüber allen Menschen, die in ihrem Umfeld versuchen, die Botschaft Christi zu leben. Die Frage ist: Wollen die Entscheider vor Ort das überhaupt? Sind dafür bereits Rahmenbedingungen geschaffen? Charismen bergen nicht nur Zündstoff für eine Kirche von morgen, sondern auch Zündstoff für Diskussionen.

Charismenseminar „Made im Bistum Limburg“

Charismenseminare haben im deutschsprachigen katholischen Raum noch keine lange Tradition. Die meisten bestehenden Kurse sind in unterschiedlichen christlichen Kontexten – meist im Ausland – entstanden. Zu den bekanntesten zählt hier das Gabenseminar der evangelikalen Willow-Creek-Gemeinde aus den USA. Inzwischen sind weitere Kurse in der evangelischen Kirche Deutschlands entstanden. Eine Kundschaftergruppe im Bistum Limburg überarbeitet derzeit vorhandenes Material. Im Frühjahr 2019 sollen erste Charismenseminare mit einem Konzept als Pilotprojekte in einer Pfarrei und in einem Bezirk starten.