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Überraschend kreative Vielfalt

Change-Kurse „Veränderung gestalten“: Das Bistum experimentiert derzeit mit drei Online-Qualifizierungen.
Überraschend kreative Vielfalt
Überraschend kreative Vielfalt

Im Sekundentakt tauchen neue Gesichter auf dem Bildschirm auf. 13 Frauen und Männer und schauen gespannt in die Kamera. Nach einer Einzelarbeit, bei der sie mit ausgeschalteter Kamera hinter grauen Bildschirmkästchen versteckt waren, füllt sich wieder das Plenum. Per Zufallsgenerator geht es von dort direkt in verschiedene virtuelle Kleingruppen. Zunächst im Austausch zu zweit und später in einer vierköpfigen Gruppe bietet sich dort die Möglichkeit, sich über die persönlichen Rollen im Berufsleben intensiver auszutauschen und über Herausforderungen und Veränderungen zu sprechen. Viel Zeit bleibt für den Austausch nicht – ein Timer tickt unerbittlich herunter: Nach dem vierten Kursvormittag wird es daher schnell persönlich: Von großen persönlichen Freiheiten ist die Sprache, aber auch von der Herausforderung, das Arbeitsfeld zu strukturieren. Von großer Freude, wenn Rollen ausgefüllt werden, die besonders Freude bereiten. Aber auch Befürchtungen aufgrund veränderter Pfarreistrukturen und das Gefühl fremdbestimmt zu sein, wenn auf diözesaner Ebene Entscheidungen ohne Mitwirkung von den Pfarreien getroffen werden, kommen auf den virtuellen Tisch.

Corona-Lockdown sorgte für digitales Format

Knapp 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums aus den Pfarreien und der Bischöflichen Verwaltung besuchen in diesem Jahr die Change-Kurse „Veränderung gestalten“. Die mehr als 30 Kurse sollen die hauptamtlich Engagierten dabei ermutigen und unterstützen, Veränderungen konstruktiv anzunehmen. Die drei Online-Change-Kurse, die die im März, April und Mai wegen des Lockdowns ausgefallenen Präsenzkurse ersetzen sollen, sind aber ein besonderes Experiment. Denn das Bistum hat bisher noch nie so umfangreiche Qualifizierungen ausschließlich virtuell durchgeführt. Klappt alles mit der Technik? Kann ein Online-Format persönliche Begegnung und Austausch ersetzen? Wächst in der Gruppe Vertrauen und Zusammengehörigkeit? Gelingt es, die Kursinhalte ansprechend und abwechslungsreich zu vermitteln?  

Nähe und Vertrauen wächst zwischen Fremden

Das erste Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den Pilotkursen fällt überraschend positiv aus: „Dass in einem Online-Seminar so viel Präsenz, Nähe und Vertrauen zwischen zuvor Fremden möglich ist, hätte ich wirklich nicht gedacht. Das Format ist so intensiv, dass man ohne Ablenkung in die Gruppe und die Thematik eintaucht und völlig vergisst, wo man gerade ist“, findet Ursula Dörner-Bramer, Pastoralreferentin aus der Pfarrei St. Anna in Braunfels. Alle in der Gruppe seien sehr konzentriert, fokussiert und ergebnisorientiert gewesen. Technische Störungen habe es nicht gegeben, wohl aber für manche die Herausforderung, Homeschooling für die Kinder zuhause und den eigenen Change-Kurs parallel zu absolvieren. „Einigen Kolleginnen und Kollegen war die Überlastung durch Homeschooling deutlich ins Gesicht geschrieben“, so Dörner-Bramer. Für Tobias Blechschmidt, Priester in der Pfarrei Maria Himmelfahrt im Taunus (Königstein), war ebenfalls die Tiefe des Austauschs überraschend: „Sowohl in der großen Gruppe wie auch in den Kleingruppen war der Austausch sehr offen. Da wurden Finger in Wunden gelegt und Sorgen und Anfragen sehr wertschätzend geteilt. Das konnte ich mir vorher für ein rein digitales Format nicht vorstellen.“ Gleichzeitig stelle der Kurs auch eine Herausforderung dar, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Halbtagen immer auch noch mit dem Tagesgeschäft in den Pfarreien konfrontiert seien. „Da muss man sich wirklich sehr gut organisieren“, meint Blechschmidt.

Viel Kreativität und Bereitschaft zu Veränderung

„Ich bin überrascht, wie viel an Kreativität, an Bereitschaft zu Veränderung, an Austausch über wesentliche Fragen, an Freude im Umgang mit Vielfalt im Kurs möglich ist“, erklärt Martin Klaedtke vom Ressort Kirchenentwicklung. Als Moderator bringt der Theologe zusammen mit Peter Tscherne, ein externen Begleiter, die unterschiedlichen Perspektiven von Pfarreien, Ordinariat und Berufsgruppe ins Spiel und gestaltet die inhaltlichen Einheiten: Auf dem Programm stehen nicht nur der intensive Austausch unter den Teilnehmern – sie kommen nicht nur aus der Seelsorge, sondern auch aus dem BO und den Außenstellen -, sondern auch Methoden, mit denen Veränderungsprozesse konstruktiver gestaltet werden können. Klaedtke wirft aber auch immer einen Blick auf die Uhr. „Der Online-Kurs mit seinen fünf Halbtagen hat ein straffes Zeitraster und zwingt zu Konzentration auf Wesentliches und Prägnanz.“ Das knappe Zeitbudget sei aber kein Verlust, sondern Gewinn. „Die Befürchtungen, dass man dadurch nur an der Oberfläche kratzt, hat sich nicht erfüllt, ganz im Gegenteil.“

Mehr „Willige“ als „Verweigerer“ 

Dass die Online-Kurse aber auf Dauer Präsenzformate ersetzen können, glaubt Ursula Dörner-Bramer nicht. „Das wird doch dem menschlichen Bedürfnis nach echten Beziehungen auf Dauer nicht gerecht, aber vielleicht gelingt eine Mischung im Arbeitsalltag.“ Sie nehme auf jeden Fall mutmachende Eindrücke mit: „Es gibt vielleicht doch mehr „Willige“ als „Verweigerer“, die den Bistumsprozess der Kirchenentwicklung mitgehen wollen.“ Auch Tobias Blechschmidt zieht ein positives Fazit: „Der Wunsch zum Aufbruch und zur Veränderung in unserer Kirche ist erkennbar“, meint er. „Es zeigt sich aber auch, dass wir aufgrund der Rahmenbedingungen begrenzt sind und nur einen kleinen Spielraum haben, Kirche zu gestalten. Es liegt stark an einem selbst und wie mutig man ist, Schritte der Veränderung zu wagen und das Bild von Kirche mitzuprägen.

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