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Raus aus der Kirchenblase

Digitaler Austausch zu den Chancen und Perspektiven der Kirche
Raus aus der Kirchenblase
Raus aus der Kirchenblase
© pixabay

Es ist wie mit dem Thermomix. Wer diese Küchenmaschine liebt, erzählt jedem davon. Man kann seine Begeisterung gar nicht für sich behalten und teilt seine Euphorie mit jedem. Sollte es so nicht auch mit den Gläubigen in der Kirche sein? Die Informatikerin Alena Beyer aus Mainz hat damit einen Vergleich geschaffen, der im Laufe des zweiten Kamingesprächs am Donnerstag, 3. Dezember, immer wieder aufgegriffen wird. Denn die Doppelspitze des Ressorts Kirchenentwicklung, Juliane Schlaudt-Wolf und Dr. Christof May, hat neun Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unterschiedlichen Berufsgruppen eingeladen, um über ihre Perspektiven auf die katholische Kirche zu sprechen. Die Runde eröffnete Juliane Schlaud-Wolf mit der Intention des Abends: „Es geht uns besonders ums Zuhören. Es braucht offene Augen und Ohren für das, was in der Welt passiert.“

Gäste aus der Forschung, Medizin, Justiz, IT und dem Öffentlichen Dienst

Im Gespräch soll es vor allem um drei große Themen in Verbindung mit Kirche gehen: Gesellschaft und Zusammenhalt, Begeisterung und Freude sowie Corona. Dazu haben sich im digitalen Zoomraum unter anderem der Jurist Marvin Fechner aus Bad Soden, der Sozialwissenschaftler der Universität Düsseldorf Constantin Wurthmann und Clemens Hermann Wagner, Lehramtsreferendar in Freiburg, getroffen. Aus dem Bereich Forschung und Medizin waren von der Universität Frankfurt die Chemiker Tassilo Grün und Isma Elamri mit seiner Frau und Diplom-Pädagogin Vera Kern sowie die Mainzer Ärztin Rebecca Bechtold vertreten. Die Gesprächsrunde wurde abgerundet mit der Informatikerin Alena Beyer aus Mainz und den Polizistinnen Melanie Göttlich von der Polizeidirektion Limburg-Weilburg und Sylvana Radler vom Revier Oberhessen. Außerdem war Dr. Beate Gilles, Dezernentin Kinder Jugend und Familie, als Gesprächspartnerin der Bistumsleitung vertreten.

Sonntagsgottesdienste treffen auf Desinteresse

„Zu welcher Kirchenveranstaltung würden Sie jemand mitnehmen?“, fragte Juliane Schlaud-Wolf in die Runde. Die nüchterne Erkenntnis dazu lautete: Zu Festlichkeiten wie Hochzeiten und Beerdigungen gehe man gerne. Zu Regelveranstaltungen wie zum Sonntagsgottesdienst lieber nicht. „Mögliche Gründe dafür könnten sein, dass die Bedeutung des regulären Gottesdiensten nicht mehr so vorhanden ist oder das nicht zum Lebenskonzept passt“, überlegte die Informatikerin Alena Beyer. Oft fehle auch eine Willkommenskultur. Dr. Beate Gilles stelle fest: Personenbezogene Veranstaltungen wie eine Taufe oder Hochzeit finden mehr Anklang als reguläre Gottesdienste.

Neben dem Kirchenangebot kamen die Gäste des Kamingesprächs mit Blick auf das Thema Gesellschaft und Zusammenhalt auf das Ergebnis, dass es generell oft an Zusammenhalt fehle. Tassilo Grün führte Familienangebote als positives Beispiel an, jedoch „gibt es viele Orte, an denen eine Entfremdung von verschiedenen Gesellschaftsgruppen spürbar ist.“

Die Kirche zeigt zu wenig Eigeninitiative

Das fehlende Gemeinschaftsgefühl sei auch in der Corona-Krise deutlich geworden. „Wir wohnen neben einer Schule in Limburg. Dort haben wir mitbekommen, wie vielen Kindern und Familien es in der Krise schlecht geht. Warum geht Kirche nicht mehr in Schulen und auf die Menschen zu?“, stellte die Polizistin Melanie Göttlich in den Raum. Genau das sei ein großes Problem, man habe viele Ideen und Phantasien, jedoch wisse man oft nicht, wo konkret Bedarf dafür sei, räumte Bischofsvikar May ein. Im ersten Lockdown habe das Bistum viel Wert auf die Seelsorge über Telefonhotlines gelegt. „Dazu haben wir auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult. Unterm Strich wurde das Angebot kaum wahrgenommen. Wir hatten schlichtweg keine Relevanz“, berichtete er von kirchlicher Seite. Den Grund dafür könne er sich nicht erklären. „Wir haben ein Gap, also eine Lücke in der Kommunikation“, schob er nach. „Da habe ich einen Einwand“, reagierte darauf die Polizistin Sylvana Radler. „Die Leute sollen immer zu Kirche kommen, aber warum ist das so? Letztes Jahr sind beispielsweise die Sternsinger nicht gekommen, dafür hätte ich anrufen müssen. Das wird alles wegrationalisiert, das kann doch nicht sein?“ Sie sehe es nicht ein, als Kirchensteuerzahlerin auf die Kirche zugehen zu müssen, das sollte andersrum sein.

Fehlende Proaktivität

Mehr Eigeninitiative von der Kirche wünschten sich auch andere Teilnehmer des Kamingesprächs. „Ich bin umgezogen und habe nicht mal einen persönlichen Brief von der Gemeinde im Briefkasten gehabt. Da entsteht doch automatisch eine Distanz. Denen da oben, und eigentlich mag ich den Begriff nicht, bin ich also egal“, argumentierte Constantin Wurthmann. Ähnlich ging es auch Marvin Fechner, der sich mehr Proaktivität wünsche. „Kirche ist für mich ein Herzensthema“, sagte er. Aber eine Einladung von der Gemeinde bei einem Zuzug müsse doch drin sein.

„Für junge Menschen ist Kirche nicht existent, nicht mal eine Idee.“

Marvin Fechner

Außerdem würde Kirche nicht die breite Gesellschaft ansprechen. „Mir fehlt oft, ich sage es mal so, der untere Teil der Gesellschaft“, kritisierte Fechner. Das merke er auch in dieser Gesprächsrunde, in der sich ausschließlich Akademiker mit gut bezahlten Berufen zusammenfänden. Kirche müsse alle Menschen erreichen. Dass das beispielsweise auch bei Jugendlichen kaum funktioniere, stelle er immer wieder bei der Jugendarbeit fest: „Für junge Menschen ist Kirche nicht existent, nicht mal eine Idee“, fügte er hinzu. Dass Sylvana Radler mit ihren Kindern oft nicht in den Kindergottesdienst gehe, liege bei ihr beispielweise an der Art des Angebots. „Vielleicht passt das einfach nicht zu meinem Lebensmodell, aber der Kindergottesdienst ist einfach zu lange. Mit zwei und vier Jahren hält man nicht ganze 45 Minuten Messe durch“, sagte die zweifache Mutter. Oft erkläre sie ihren Kindern dann über Videos kirchliche Themen, wie etwa St. Martin. „Ein animiertes Video für Kinder, einfach erklärt, zum Beispiel zu Nikolaus. Sowas will man von Kirche“, ergänzte die Polizistin.  

Kirche als Geschäftsmodell

Der Chemiker Tassilo Grün verglich die Kirche mit einem Geschäftsmodell, in dem ein Vertreter um die Häuser zieht. Das wichtigste Produkt habe man dazu schon in der Tasche, das Evangelium. „Die wichtige Erkenntnis ist also: Es ist eigenes Versagen, dass wir es nicht schaffen, die Botschaft und die volle Power auf die Straße zu bringen.“ Das Problem sei vor allem auch das Image, bringt Constantin Wurthmann ein. „Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Spiritualität, hatten sie schon immer und werden sie auch haben, aber Kirche schafft es nicht, die Menschen für sie einzunehmen“, vermutete der Sozialwissenschaftler. An dieser Stelle kam auch das Thermomix-Bespiel wieder ins Spiel. Die Begeisterung für kirchliche Botschaften werde zu wenig nach außen und weitergetragen.

Vom Gastgeber zum Pilger

Das Bild eines Vertreters, der von Tür zu Tür geht, griff auch Dr. Christof May auf. „Klinkenputzen ist eine gelungene Metapher. Wir haben uns oft als Gastgeber verstanden, aber wir sind die Pilger. Wir müssen durch die Straßen ziehen und fragen, ob wir mitspielen dürfen. Wir müssen aus der Komfortzone herauskommen“, stellte May fest. Viel zu oft bewege man sich in einer Kirchen-Blase, gemeinsam müsse man mehr auf die Menschen zugehen. „Wir müssen die Fragen nach den Orten der Begegnung und nach der Zielgruppe überdenken“, ergänzte Juliane Schlaud-Wolf. Es brauche mehr Authentizität und persönliche Boschafterinnen und Boschafter, fasste Dr. Beate Gilles zusammen: „Weg vom Abstrakten, hin zu der Frage: Wie können wir ein Feuer entzünden?“ Ein Feuer, das die von Alena Beyer beschriebene Euphorie und Begeisterung um den Thermomix auch für Kirche schaffen kann.

Kamingespräch

„Kamingespräch“, so heißt ein neues Veranstaltungsformat des Ressorts Kirchenentwicklung, das vor dem zweiten Corona-Lockdown gestartet ist, und den Austausch mit wechselnden Bereichen der Gesellschaft fördern will. „Wir sind als Bistum seit vier Jahren auf dem Weg der Kirchenentwicklung unterwegs. Wir spüren, dass wir als Kirche exzentrisch sein müssen. Damit meinen wir, dass wir mit anderen ins Gespräch kommen, von ihnen lernen und uns entwickeln lassen“, erklärt die Doppelspitze der Kirchenentwicklung Juliane Schlaud-Wolf und Dr. Christof May.

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