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Neues Leben in alten Gemäuern

Exkursion der Hochschule Sankt Georgen und des Ressorts Kirchenentwicklung nach Berlin
Neues Leben in alten Gemäuern
Neues Leben in alten Gemäuern
Studierende und junge Mitarbeiter des Bistums haben am 26. und 27. Januar Berlin besucht. © Pauline Erdmann

Was tun, wenn Gemeinden sich auflösen und Kirchen kriseln? Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Menschen im Bistum Limburg. Einfach neu anfangen und etwas gemeinsam ausprobieren – zu oft bleibt das Wunschdenken. Dabei sind in den vergangenen Jahren viele neue Projekte entstanden – auch im säkularen Berlin, wo Christen eine Minderheit darstellen. Eine gemischte Gruppe von Pastoralen Mitarbeitern, Studierenden der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen sowie Vertreter der Jugendkirche Jona haben nun Ende Januar die Hauptstadt besucht, um sich verschiedene Projekte anzuschauen. Zu der Exkursion hatte der Lehrstuhl Pastoraltheologie unter der Leitung von Professor Wolfgang Beck in Kooperation mit dem Ressort Kirchenentwicklung eingeladen.

Vom Hauskreis zum Gottesdienst

Ein bunt bemalter Bauwagen vor einer großen neugotischen Kirche mitten im Kiez von Berlin. Direkt an die Kirche angrenzend ein großes Wohnhaus und eine Kindertagesstätte. Es ist ein  ungewöhnliches Bild, mit dem die Teilnehmer der Exkursion bei Refo-Moabit empfangen werden. „Gemeinsam mit der Refo-Community tragen wir als Konvent geistliches, kulturelles und gemeinschaftliches Leben in den Kiez hinein“, erklärt Ellen Penning, die zusammen mit den zwei anderen  Mitgründern der Gemeinschaft Tobias Horrer und Steve Rauhut die Teilnehmer begrüßt. Angefangen habe alles 2009 mit der Frage: Wie können wir als Kirche wirksam sein? Eine Gruppe von jungen Christen hätte sich auf die Suche gemacht, um Kirche neu zu denken und den Glauben stärker mit dem Leben und Arbeiten zu verbinden. Anfangs traf sich die Gruppe zum Gebet, kleineren Andachten und Austausch zu Hause. Nachdem die Gruppe stark gewachsen war, habe sie 2015 verschiedene Gebäude in unmittelbarer Nähe zur Berliner Reformationskirche zur Nutzung erhalten.

© Pauline Erdmann35 Gemeindemitglieder leben hier und pflegen auch ein geistliches Gemeinschaftsleben.
© Pauline Erdmann35 Gemeindemitglieder leben hier und pflegen auch ein geistliches Gemeinschaftsleben.

Sozial, ökologisch, gerechter

Refo-Moabit ist für die drei Begründer ein Ort der Hoffnung. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht über unsere Gemeinschaft hinaus im Kiez hinein gesellschaftstransformatorisch zu wirken, gesellschaftliche und religiöse Schranken zu überwinden“, erklärt Steve Rauhut, während er die Gruppe über den Campus führt. 35 Bewohner im Alter von 1 bis 65 Jahren leben auf dem Campus und wirken an neuen Formen evangelischer Spiritualität mit. Einmal im Monat wird vom Konvent, so bezeichnet sich die Gemeinschaft, ein gemeinsam gestalteter Gottesdienst angeboten. Einmal monatlich findet auch eine Kinderkirche statt. Immer mittwochs ab 18 Uhr sind Interessenten zum Abendbrot mit einer anschließenden Andacht eingeladen. Darüber hinaus ist über die Jahre ein vielseitiges und stetig wachsendes Programm entstanden, etwa das Refo-Cafe, die Cantorei der Reformationskirche, Initiative Grenzenlos/Theater X, Reachout/Opra – Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus sowie eine Foodsharing-Station im Bauwagen.

Institut für katholische Theologie, Straßenexerzitien und Sozialpastoral

Neben dem Projekt Refo-Moabit besuchten die Studierenden weitere auch Professorin Theresa Schweighöfer vom neugegründeten Institut für Katholische Theologie in Berlin, den Jesuitenpater Christian Herwartz, der über sein Leben in einer Wohngemeinschaft und den von ihm angebotenen Straßenexerzitien berichtete, sowie Pastoralreferentin Lissy Eichert, die über ihre sozialpastorale Arbeit berichtete.

Radikalität mit Parallelen zum klassischen Ordensleben 

„An Refo-Moabit hat mich beeindruckt, mit welcher Entschiedenheit und Radikalität die Menschen dieses Konvents ihr Projekt leben. Die Radikalität war eine deutliche Parallele zum klassischen Ordensleben. Besonders gut gefallen hat mir außerdem der Glaube und die Entschlossenheit, als Gemeinschaft und Kirche positiv in die Gesellschaft und ihren Kiez hinein zu wirken“, findet Teilnehmerin Lisa Quarch.

Die Studentin zieht ein positives Fazit der Exkursion: „Es waren starke Eindrücke und Begegnungen, die durch das hohe Interesse und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes neugierig einzulassen, erst möglich wurden.“ Besonders spürbar sei dies in den Fragerunden und im Austausch mit den Referenten gewesen. „Ich empfand es als sehr erfreulich, dass es eine gemeinsame Exkursion der Hochschule Sankt Georgen und der Kirchenentwicklung im Bistum Limburg war. Es war eine gute Mischung aus Studierenden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums. Da waren eine Reflexion und ein Austausch auf unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen Blickwinkeln möglich.“ (Pauline Erdmann/clm)

© Pauline ErdmannZu Gast im REFO-Café.
© Pauline ErdmannZu Gast im REFO-Café.
© Pauline ErdmannAusdruck des Gemeinschaftswillen, die Gesellschaft zu verändern und in den Kiez hineinzuwirken.
© Pauline ErdmannDie Gemeinschaft gestaltet Gottesdienste und Gebetszeiten in der Reformationskirche in Berlin.
© Pauline Erdmann
© Pauline ErdmannZu der Gemeinschaft gehört auch ein Kindergarten.