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Kirchenentwicklung zwischen Buchdeckeln

1999 hat die Gemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg ihre Kirche neu gestaltet. Nun, nach 20 Jahren Suchen, Experimentieren, Gestalten, Erleben, Feiern und Leben - also Kirche entwickeln im besten Sinne - hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben.
Kirchenentwicklung zwischen Buchdeckeln
Kirchenentwicklung zwischen Buchdeckeln

1999 hat die Gemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg ihre Kirche neu gestaltet. Nun, nach 20 Jahren Suchen, Experimentieren, Gestalten, Erleben, Feiern und Leben - also Kirche entwickeln im besten Sinne - hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. „voll Gott“ fasziniert und entwickelt eine Sogwirkung. Es macht Mut und Lust selber mehr zu experimentieren, zu gestalten, Räume neu zu sehen und zu erleben, Liturgien zu verlebendigen. Viele Bilder zeigen den freien -  frei geräumten -  Raum in Maria Geburt, zeigen, wie er belebt und gestaltet wird. Es gibt nicht immer bilderklärende Texte, so dass sie im ersten Blättern nicht alle verständlich sind. Dann aber beginnt man zu lesen und wird hineingezogen in eine Dynamik des Entdeckens und Entwickelns, des lust- und kraftvollen Umgangs mit Liturgie.

Das Buch ist im besten Sinne partizipativ: erkennbar zusammengetragen aus verschiedenen Stimmen und Perspektiven der circa 70 Autorinnen und Autoren. Auf den Ausweis, wer welchen Absatz geschrieben hat, wird verzichtet. Man kann deshalb auch überall in den Text einsteigen, trotz einer klaren Gliederung des Gesamten. Hinzu kommen kurze Texte, Reflexionen genannt. Sie stammen unter anderem von Liturgieexpertinnen und Liturgieexperten, einer Supervisorin, dem ZdK-Präsidenten, dem Architekten und dem Kirchenmusiker. Die Reflexionen unterbrechen den durchlaufenden Text. Weil „voll Gott“ Erfahrungen beschreibt und an keiner Stelle Handlungsanweisungen gibt, geht es nicht darum, etwas genauso zu machen. Sondern: auch zu probieren, auch zu suchen und auch die eigenen Räume zu entdecken und die Kraft der Gemeinschaft erfahrbar zu machen: Kapieren statt kopieren!

Eindrucksvoll sind die Schilderungen, wie sich die Anordnung der Stühle nach der Befreiung von den starren Kirchenbänken im Rahmen der Renovierung 1999 immer mehr dem heute zumeist genutzten Kreis angenähert hat, einfach weil im Kreis Gemeinschaft am besten erfahrbar ist und in dieser Gemeinschaft Liturgie ihre Kraft entfaltet (28-33). Reduktion auf das Wesentliche – das aber in hoher Qualität - zieht sich als roter Faden durch die geschilderten Erfahrungen. Ein Beispiel: Blumenschmuck. „Aus Vasenfüllungen werden einzelne Blüten, Zweige, Stiele. Bei Spaziergängen entsteht neue Sehweise. Nach Wuchsrichtung, Knospen, Rinde, Samenstand der Floralien, der Natur.“ (71, vgl. Fotos 70 und 60 oben). Es werden Liturgien geschildet, genauer: es werden die Erlebnisse in und durch Liturgien geteilt, so dass zu erahnen ist, welche Kraft in Liturgien stecken kann. Es wird aber auch deutlich, dass im Experimentieren nicht alles gelingt – und dass dies nicht schlimm ist. Ganz offensichtlich gelingt es der Gemeinde Maria Geburt viele Menschen einzubinden und in Verantwortung zu nehmen. Gerade das wird als wesentlich für die Verlebendigung der Gemeinde beschrieben.

„voll Gott“ (welch ein Titel!) ist ein Buch voll Ermutigung, voll Inspiration, voll Anfrage an Gewohnheiten. „voll Gott“ ist Kirchenentwicklung zwischen Buchdeckeln. Die etwa 20 Euro sind gut investiert. (Dr. Georg Poell, Bezirksreferent im Bezirk Limburg)

Katholische Kirchengemeinde Maria Geburt Aschaffenburg: „voll Gott“. 176 Seiten. 

Verlag Schnell + Steiner, Regensburg, ISBN 978-3795434564