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Kirche mit offenen Augen und Ohren

25 Kundschafter aus dem Bistum Limburg besuchen kirchliche Projekte in den Bistümern Essen, Magdeburg und Erfurt
Kirche mit offenen Augen und Ohren
Kirche mit offenen Augen und Ohren
Die Kundschafter unterwegs in Halle © Bistum Limburg

Mehr als die traditionelle Pfarrei, nah am Menschen, gut vernetzt und mit klarer christlicher Haltung: So haben 25 Kundschafter aus dem Bistum Limburg katholische Kirche auf einer Exkursion vom 15. bis 19. Mai erlebt. Die Gruppe informierte sich über verschiedene Projekte kirchlicher Seelsorge in den Bistümern Essen, Magdeburg und Erfurt. Unter anderem besuchten die ehren- und hauptamtlichen Teilnehmer die Jugend- und Sozialkirche St. Jakobus in Oberhausen und das Sozialpastorale Zentrum Petershof im Duisburger Stadtteil Marxloh. In Halle an der Saale standen die Suchendenpastoral und Lebenswendefeiern, die katholische „Dialogschule“ St. Elisabeth, die Netzwerkarbeit der Pfarrei Carl Lampert sowie die Seelsorge am katholischen Krankenhaus St. Elisabeth auf dem Programm. In Erfurt besuchte die Erkundungsgruppe außerdem das Jesus-Projekt.

Für die Menschen im Stadtteil aktiv sein

Während in Oberhausen bei der Sozial- und Jugendkirche St. Jakobus das große ehrenamtliche Engagement im Mittelpunkt stand, ging es in Marxloh um eine Kirche, die soziale Probleme im Blick hat, sich für die Menschen im Stadtteil einsetzt und deren Lebenssituation verbessern will. Eigentlich hätte die Kirche St. Peter geschlossen werden sollen, doch bei den Bürgern regte sich Widerstand: Selbst die Moscheegemeinden intervenierten beim Essener Bischof. 2012 entstand mit den Missionsärztlichen Schwestern in Marxloh das Sozialpastorale Zentrum. Mit viel Unterstützung von den Bewohnern des Stadtteils und der Gemeinde hat Kirche vor Ort nun ein neues Gesicht bekommen: Um St. Peter ist beispielsweise eine Kleiderkammer, ein regelmäßiger Mittagstisch, ein Boxclub sowie eine Beratungsstelle eingerichtet worden. Selbst einen kleinen Garten und einen Streichelzoo hat der Petershof.

Wenn Kirche unterwegs ist für die Menschen, dann merken Menschen das und dann finden auch diejenigen Heimat und Geborgenheit, die keine Kirchenmitglieder sind.

Maria Schmedt - Caritas-Quartiersmanagerin in Frankfurt

„Mir hat gefallen, wie konsequent hier Sozialpastoral betrieben wird“, sagt Maria Schmedt, Caritas-Quartiersmanagerin im Frankfurter Gallus, über den Petershof. „Sie kommen nicht mit Konzepten, sondern mit offenen Augen und Ohren.“ Besonders ist, dass es in Duisburg gelungen sei, auch die katholische Gemeinde für das Projekt zu begeistern. „Natürlich kann ein Team entscheiden, wir sind für die Menschen aktiv. Wenn aber ein Teil der Gemeinde und Gremien diese Option teilen, ist man viel stärker und besser vernetzt und kann viel mehr erreichen. Dann kann man sich mit vereinten Kräften und Ideen auf den Weg machen.“ Dabei komme es besonders auf eine glaubwürdige Haltung an: „Wenn Kirche unterwegs ist für die Menschen, dann merken Menschen das und dann finden auch diejenigen Heimat und Geborgenheit, die keine Kirchenmitglieder sind.“

Mit Kooperationen Menschen erreichen

Dass die traditionelle Pfarrei an Bedeutung verliert und katholische Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern oder Kindertagesstätten als Orte kirchlichen Lebens wichtiger werden, erlebten die Kundschafter in Halle an der Saale. In der 235.000-Einwohner-Stadt machen die Katholiken nur eine Minderheit von etwa 4 Prozent aus. Deshalb haben sich in einem 50-köpfigen Rat alle katholischen Pfarreien, die Caritas, Verbände, Einrichtungen, Projekte und Initiativen miteinander vernetzt und tauschen sich gegenseitig aus. „Wir haben hier nur eine Zukunft, wenn alle, die etwas mit katholischer Kirche zu tun haben, an einen Tisch kommen“, erklärte Dechant Magnus Koschig. Weil die klassischen Gemeinden in Ostdeutschland kaum noch Menschen erreichen, würden katholische Einrichtungen selbstverständlich zu Orten kirchlichen Lebens. Die Pfarrei ist unter anderem im Foyer des katholischen Elisabeth-Krankenhauses aktiv. Und mit den katholischen Schulen – etwa dem Elisabeth-Gymnasium – gibt es Kooperationen und Projekte. Kirche finde in Halle an vielen Orten statt, betont Koschig. „Gemeinde ist genauso Kirche wie das Elisabeth-Mobil“, sagte der Theologe. Die gute Vernetzung und Zusammenarbeit habe sich bewährt: Als Flüchtlinge auch nach Halle kamen, habe das Netzwerk als Ansprechpartner für die Stadt schnell Hilfe leisten können.

© Bistum LimburgDie Kundschafter vor dem Elisabeth-Gymnasium im Süden Halles.

Schöpferische Minderheit sein

Dass es in einem entchristlichten Umfeld wichtig ist, in einen offenen Dialog mit verschiedenen Weltanschauungen zu treten und dabei ein klares Profil zu zeigen, betonte der Schulleiter des Elisabeth-Gymnasiums, Hans-Michael Mingenbach. „Wir versuchen eine gute Schule zu machen für die Menschen in Halle.“ Die Schule, die in der Bildungslandschaft Halles einen „Exotenstatus“ besitzt, setzt dabei auf ein klares christliches Profil: Die Schüler und deren Eltern werden begleitet. In der fünften und sechsten Jahrgangsstufe besuchten die Schüler an mehreren Projekttagen Orte christlichen Glaubens in Halle. Zudem sind der Ethik- und Religionsunterricht durch einen eigens entwickelten„Dialog-Lehrplan“ in dieser Zeit besonders vernetzt.    

Mitglieder des Lehrerkollegiums seien nicht nur fachlich gefragt, sondern hätten auch pädagogische Aufgaben zu erfüllen. Sich nur als Fachlehrer zu verstehen, passe nicht zum Lehrerverständnis der katholischen Schule, sagt Mingenbach. Eine Klassenleitung findet in Tandems aus zwei Lehrkräften statt. „Die Botschaft an die Eltern lautet: Hier kümmern sich zwei Lehrer um eure Kinder.“ Besondere Angebote wie etwa die „Grenzgänge“ versuchten existentielle Fragen nach Gott, tragenden Werten und einem erfüllten Leben in den Schülern zu wecken. Taizé-Gottesdienste, Schülerprojekte und Praktika in sozialen Einrichtungen gehörten ebenfalls zum Schulaufenthalt dazu.

Eine Erfolgsgeschichte

Eine kleine Erfolgsgeschichte sind die Lebenswendefeiern, die evangelische und katholische Kirche für konfessionsfreie Jugendliche der 8. Jahrgangsstufe anbieten. Die Idee ist im Bistum Erfurt unter Weihbischof Reinhard Hauke als katholische Alternative zu den aus der Zeit der DDR stammenden Jugendweihen entwickelt worden. „Von 2005 bis jetzt ist das richtig explodiert“, erklärt Verena Krinke, Referentin für die Suchendenpastoral in Halle. Etwa 800 Jugendliche - meist ohne Religionsbekenntnis - feiern derzeit die Lebenswendefeiern. Kirche müsse dafür kaum noch Werbung machen und würde dennoch gefunden, sagt Krinke. In mehreren Treffen bereiten sich die Jugendlichen auf die Feier vor, setzen sich mit ihrer Kindheit, ihrem Leben und den Wünschen für die Zukunft auseinander. In der Feier würden die Jugendlichen gesegnet. „Die Jugendlichen sind uns wichtig und es ist uns wichtig, dass sie für sich in einen Prozess gehen“, sagt Krinke. Es gehe nicht darum, Jugendliche enger an die Kirche zu binden. Sie machten aber positive Erfahrungen mit Kirche und in diesem Zuge könnten Vorurteile abgebaut werden.

Offen sein für das, was Menschen suchen

Auch bei der Suchendenpastoral geht es laut Krinke nicht darum, Menschen für die Kirche zu begeistern. Krinke versteht sich viel mehr als Kundschafterin und Experimentiererin, die Kontakt mit Neugierigen, Suchenden und Fragenden aufbauen möchte und deren Ideen aufgreift. „Ich bin einmal die Woche auf einem Platz in Halle und setze mich den Leuten aus und schaue, was passiert und was nicht.“ Vor wenigen Jahren hat sie in der Innenstadt das „schief und krumm“ eingerichtet – eine kleine „Mit-Mach-Werkstatt“ für alle Menschen, die herkommen. Eine Sport-, Musik- oder Meditationsgruppe, ein Lesezirkel und viele weitere Gruppen treffen sich hier im „schief und krumm“.  Krinke bringt auch ihr Know-How als Holzbildhauerin ein und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen gerne handwerklich. „Darüber entstehen Gespräche und Kommunikation. Ich habe hier – da bin ich ehrlich – mehr Gespräche als ich je in der Gemeinde hatte. Allein über den Namen habe ich viele sehr tiefe Gespräche geführt.“

Die Kundschaftergruppe aus dem Bistum Limburg bestand aus ehren- und hauptamtlichen Engagierten aus Pfarreien, Einrichtungen und Caritasarbeit.
Die Kundschaftergruppe aus dem Bistum Limburg bestand aus ehren- und hauptamtlichen Engagierten aus Pfarreien, Einrichtungen und Caritasarbeit.
© Bistum LimburgDer Schulleiter des Gymnasium, Hans- Michael Mingenbach.
© Bistum LimburgNach einem kleinen Spaziergang kommen die Kundschafter bei der Mitmachwerkstatt "schief und krumm" an.
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© Bistum LimburgMit den Feiern der LEbenswende erreicht das ökumenische Projekt in diesem Jahr 800 Jugendliche und deren Eltern. Die Feiern sind eine gern in Anspruch genommene Alternative zu den aus der Zeit der DDR stammenden Jugendweihen.
© Bistum LimburgVerena Krinke ist Referentin für die Suchendenseelsorge.
© Bistum LimburgDas katholische Elisabeth-Krankenhaus will mit seiner christlich-katholischen Profilierung Patienten einen Mehrwert bieten.
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© Bistum LimburgDechant Magnus Koscheg.
© Bistum LimburgDiakon Reinhard Feuersträter leitet die Krankenhausseelsorge. Feuersträter hat sich aber auch dafür eingesetzt, dass die Lebenswendefeiern in Halle heute so gut angenommen werden.
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© Bistum LimburgDas Elisabeth-Krankenhaus arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit der Kunsthochschule zusammen. Überall im Krankenhaus ist Kunst zu finden. Ein ausgeklügeltes Farbkonzept lässt vergessen, dass man sich in einem Krankenhaus befindet.
© Bistum LimburgJeden Tag lassen Schwestern einen Luftballon für jedes Neugeborene steigen. Die Wünsche der Eltern sind mit dabei. Es handelt sich dabei nur um einen kleinen Aspekt der Beziehungsarbeit des Krankenhauses.
Zum Duisburger Petershof gehört auch ein Boxclub.

Die Reise ist eine von sechs Exkursionen, mit denen Teams aus dem Bistum Limburg neue Ansätze von Kirche in aller Welt erkundet und Inspiration sammeln möchte für den Prozess der Kirchenentwicklung im Bistum Limburg. Neben Reisen in deutsche Bistümer besuchen Limburger Gruppen unter anderem Frankreich und Großbritannien und reisen auf die Philippinen.