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Corona, Digitalisierung und die Kirche

Stefan Lesting warnt davor, dem digitalen Selbstbetrug zu verfallen.
Corona, Digitalisierung und die Kirche
Corona, Digitalisierung und die Kirche
Stefan Lesting bloggt auf frischfischen.de über Gott und die Welt. © privat

Die Corona-Pandemie gilt schon heute als größter Treiber der Digitalisierung, plötzlich wird das scheinbar Unmögliche in der katholischen Kirche über Nacht mit heldenhaftem Einsatz möglich gemacht: Hier ein Livestream aus der Pfarrkirche auf YouTube, dort der digitale Fastenimpuls als Newsletter und die Gremiensitzung gibt es als Videokonferenz. Mit diesen Maßnahmen haben sich viele Menschen selbst übertroffen und spätestens, wenn die Lokalzeitung einen Artikel dazu veröffentlichte, war die Freude groß.

Doch bei aller Freude über diesen unverhofften Taten­drang im Digitalen haben Sie es vielleicht schon bemerkt: Im Durchschnitt sind die Maßnahmen zehn Jahre hinter der Zeit. Damals wurden bereits die ersten Kompakt­kameras mit einem achtfachen Zoom ausgeliefert und trotzdem fangen Kirchengemeinden heute an, wackelige Standbilder mit schlechtem Ton aus ihrer Pfarrkirche zu streamen. Oder würden Sie es als Erfolg bezeichnen, wenn Sie jetzt anstelle der monatlichen E-Mail mit den Pfarrnachrichten als PDF-Anhang zweimal im Monat geistliche Corona-Impulse unformatiert als Word-Dokument an 150 Empfänger schicken? Nur zum Vergleich: Die nette Nachbarin, die Sie über ihre kleine Webseite mit Näh- und Backtipps versorgt, erreicht mit ihren Ideen nicht selten 9.000 Menschen über ihren wöchentlichen Newsletter. 

Ein kontinuierlicher Lernprozess muss folgen

Die Gefahr, in dieser persönlichen Erfolgssituation dem Selbstbetrug zu verfallen, ist dabei so groß wie die trügerische Hoffnung auf mehr Sicherheit durch den Kauf einer zusätzlichen Packung Klopapier. Es ist zwar wunderbar, dass viele Menschen ihre Angst vor der digitalen Welt überwinden. Dennoch darf man in der Reflexion nicht übersehen, dass die Standards der digitalen Welt schon längst andere sind. Die Herausforderung besteht für viele in den nächsten Schritten darin, aus einem anfänglichen Aktionismus einen kontinuierlichen Lernprozess zu machen und sich professionelle Unterstützung dafür zu holen.
Doch wie kann Kirche die Digitalisierung lernen und wo gibt es Ansätze, denen man folgen kann? Im Grunde braucht es dafür nur einen Mutigen in jeder Organisation, der die Dringlichkeit erkennt und die Chancen des Themas vorantreibt. Der Zeitpunkt dafür ist günstig, denn durch die Pandemie wird vieles infrage gestellt und eine einfache Rückkehr zum bisher gekannten Alltag ist schon jetzt nicht mehr möglich. Um sich dem Thema zu nähern, bieten sich Methoden der Marktforschung und Produktentwicklung an. Damit ist es möglich, schnell erste Prototypen zu entwickeln und langfristig erfolgreiche Produkte und Dienstleistungen für eine Welt mit vielen digitalen Möglichkeiten anzufertigen. Behält man das spezifisch Katholische dabei im Blick, entstehen Produkte, die aus karitativer, diakonischer oder missionarischer Sicht wertvoll für die Menschen sind.

Durch Digitalisierung Hürden abbauen und Ballast abwerfen

Mit dem Projekt des digitalen Pfarrbüros haben Sie mit den heutigen Möglichkeiten innerhalb weniger Tage eine Servicestelle, die Fragen und Anliegen zukünftig jederzeit unabhängig von den tatsächlichen Büro- und Öffnungszeiten entgegennimmt. Im gleichen Zuge wird auch der Ballast an Papierformularen sowie Anmeldungen für Ferienfreizeiten und Familienwochenenden eigentlich sofort überflüssig. 

Das Internet kennt im Übrigen keine Pfarreigrenzen und so sollte der nächste Glaubenskurs direkt überregional mit Videokonferenzen und einem virtuellen Klassenzimmer konzipiert werden. In der ersten Umsetzung des Kurses als einfache Videokonferenz, und bei Erfolg geht es in ein bis zwei Jahren dann in einen richtig schön gestalteten Virtual-Reality-Raum. Ergänzt werden darf das digitale Angebot selbstverständlich durch persönliche Treffen, da die Digitalisierung vor allem dann stark ist, wenn sie komplizierte Prozesse und Hürden ersetzt oder merklich reduziert.

Wer traut sich die ersten Schritte zu gehen?

In der Seelsorge könnten hingegen schon heute Online-Systeme etabliert werden, wie sie in der Gastronomie immer häufiger für die Reservierung eines Tisches üblich sind. Damit können die Kunden im Fall der Seelsorge zu vorher definierten Zeiten einen Gesprächswunsch buchen und das bevorzugte Kontaktmedium wie Telefon oder Videokonferenz angeben.

Wer sich traut, noch einen Schritt weiterzugehen, der ist gut beraten, sich mit Themen wie Big Data, künstlicher Intelligenz und Augmented Reality zu beschäftigen. Gerade in der karitativen Arbeit und für kirchliche Träger von sozialen Einrichtungen gibt es spannende Möglichkeiten, von diesen technischen Weiterentwicklungen zu profitieren.  Starten Sie jetzt Ihr digitales Projekt! Ich bin gespannt auf Ihre Ideen.

Der Beitrag erschien in der fünften Ausgabe von NETZ. Das E-Paper finden Sie hier. 

Stefan Lesting ist Berater, Autor und Medienexperte und beschäftigt sich seit vielen Jahren insbesondere mit der Thematik Kirche und Digitalisierung. Er ist Geschäftsführer der Agentur Lesting Media & Consulting.

www.lesting.org