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"Coole Projekte und tolle Ideen"

Jugendliche entwickeln Ideen für eine moderne Kirche - offener Austausch mit Bischof Georg Bätzing
"Coole Projekte und tolle Ideen"
"Coole Projekte und tolle Ideen"
© C.Mann/Bistum Limburg

Smartphone-Apps, Lounge- oder Wohnzimmer-Gottesdienste, Sitzsäcke in der Kirche oder Videotutorials zu Glaubensinhalten auf Youtube. Auf den ersten Blick klingt das nicht gerade nach katholischer Kirche, doch genau das sind einige Ideen, die 27 Jugendliche am Samstag, 13. April, bei der Zukunftswerkstatt der Katholischen Fachstelle für Jugendarbeit im Taunus (KFJ-Taunus) entwickelt haben. Gemeinsam mit Coaches der Fraport AG beschäftigten sich die Teilnehmer in der Werk-statt-Schule in Hofheim damit, wie für sie Kirche im Jahr 2025 aussieht. Beim sogenannten „Pitching“, einer Kurzpräsentation von drei bis fünf Minuten, erhielten die Jugendlichen von Juroren Feedback zur Umsetzung ihrer Ideen. In der Jury waren Manager der Fraport AG, Vertreter des Bistums und von Schulen, dem Kreisjugendring Hochtaunus und dem evangelischen Dekanat Bad Homburg. Die jungen Menschen kamen aus katholischen Pfarreien im Main- und Hochtaunus und von verschiedenen Schulen.

© Unter Zeitdruck. Der Tag war eng getaktet. Kreativität funktioniert unter Zeitdruck besonders gut, betonten die Coaches der Fraport AG.
© Unter Zeitdruck. Der Tag war eng getaktet. Kreativität funktioniert unter Zeitdruck besonders gut, betonten die Coaches der Fraport AG.

Effektives Arbeiten unter Zeitdruck

„Ich bin wirklich positiv überrascht. Es war ein sehr offener Austausch und eine komplett andere Atmosphäre als bei bisherigen Workshops“, erklärte Tim Oswald, Ministrant aus der Pfarrei St. Peter und Paul, Hofheim-Kriftel. Die Methode „Design Thinking“ kenne der 24-Jährige zwar schon aus seinem Beruf. „Aber ich habe mich schon gefragt, wie wir das auf unsere Fragestellung und die kirchliche Jugendarbeit anwenden können.“ Besonders viel Spaß habe Oswald das Pitching gemacht: „Wir haben uns im Team gut abgestimmt. Auch der Coach hat uns hilfreiche Instruktionen gegeben. Die Juroren waren wirklich nett, haben aktiv zugehört und konstruktives Feedback gegeben. Das war eine gute Zusammensetzung.“

„Man denkt für sich, aber selten quer. Ich sehe ganz viel Potenzial, wenn wir als Kirche anfangen, quer zu denken.“

Lena Böhlert, Jugendbildungsreferentin, KFJ-Taunus

Für Clemens Heßler, Oberstufenschüler aus Hofheim, war es eine schöne Erfahrung, mit den Coaches der Fraport AG zusammenzuarbeiten. „Wir haben in der begrenzten Zeit sehr effektiv gearbeitet. Das wird mir bei der Vorbereitung für meine Abitur-Prüfung in einem Monat bestimmt helfen.“ In die Hofheimer Fußgängerzone zu gehen und Menschen darüber zu befragen, welches Bild sie von katholischer Kirche haben, war für ihn bereichernd. Wie groß aber auch die Ablehnung heute ist, sei für ihn erschreckend gewesen. „Wir haben coole Projekte entwickelt und tolle Ideen gehabt“, meinte Hannah Olbrich aus Oberursel. Zu Beginn sei es zwar etwas zäh gewesen. „Ich muss im Nachhinein aber sagen, dass es wichtig war, unsere Probleme zu sammeln und zu kategorisieren. Am Ende haben wir uns auf eines festgelegt und eine Lösung entwickelt.“ Gemeinsam mit ihrer Gruppe entwickelte Olbrich eine App für kirchlich interessierte Menschen, die aber den Bezug zu der klassischen Pfarrei verloren haben.  Dass diese Ideen jetzt auch umgesetzt werden, wünscht sich die Studentin.

© Aufmerksamer Zuhörer aus Limburg. Im Interview mit dem Bischof sprachen die Jugendliche die Themen Bürokratie und die Verteilung von Ressourcen in den kirchlichen Strukturen an.
© Aufmerksamer Zuhörer aus Limburg. Im Interview mit dem Bischof sprachen die Jugendliche die Themen Bürokratie und die Verteilung von Ressourcen in den kirchlichen Strukturen an.

Jugendliche müssen mitgestalten    

„Es ist schön, dass ihr bereit seid, Kirche mitzugestalten. Kirchenentwicklung ist unser Thema“, sagte Bischof Georg Bätzing. Von vielen Jugendlichen wisse er, dass Kirche für sie überhaupt kein Thema mehr sei. Die Weitergabe des Glaubens funktioniere heute nicht mehr in den bekannten herkömmlichen Strukturen. Dennoch blicke er mit Hoffnung in die Zukunft: „Kirche hat Zukunft. Wenn Ihr das in die Hand nehmt und gestaltet, dann geht Kirche“, betonte Bätzing. Bei der Frage, wie Kirchenentwicklung zukünftig aussehen solle, bat der Bischof die Jugendlichen um Unterstützung: „Keiner, kein Bischof und niemand allein, weiß, wie das geht.“ Es brauche die Mitarbeit vieler Menschen, damit der Glaube wieder ins Gespräch gebracht und als relevante Größe für das eigene Leben erfahren werden könne. Im Gespräch mit dem Bischof äußerten viele Jugendliche auch ihre Kritik an der katholischen Kirche: Die Diskriminierung von Frauen oder der Umgang mit Homosexualität beschäftigte viele Jugendliche. Es müssten in Rom endlich Entscheidungen getroffen werden.    

Idee zur Zukunftswerkstatt kommt von den Jugendlichen

Die Idee zur Zukunftswerkstatt stammt von den Jugendlichen selbst. „Die Jugendsprecher haben sich gewünscht, mit Hauptamtlichen über Kirche von Morgen und über die Jugendarbeit in den Pfarreien konkret ins Gespräch zu kommen“, erklärt Lena Böhlert, Jugendbildungsreferentin der KFJ-Taunus. Mit der Werkstatt wolle man Jugendliche ermutigen, „ihre Ideen in die Hand zu nehmen und im Austausch mit anderen auch andere Perspektiven von Kirche zu erleben“. Zu häufig würde Kirchenentwicklung nur in den vorhandenen Strukturen gedacht werden. „Man denkt für sich, aber selten quer. Ich sehe ganz viel Potenzial, wenn wir als Kirche anfangen, quer zu denken.“

© Bischof Georg Bätzing ermutigte die Jugendlichen, Kirche mitzugestalten. Die Jugendlichen sangen dem Bischof an seinem Geburtstag auch ein Ständchen.
© Bischof Georg Bätzing ermutigte die Jugendlichen, Kirche mitzugestalten. Die Jugendlichen sangen dem Bischof an seinem Geburtstag auch ein Ständchen.
© Christof May, Bischofsvikar für die Kirchenentwicklung, arbeitete in einer Gruppe mit.
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© Auf dem Markt in Hofheim befragten Jugendliche Passanten zu ihrem Kirchenbild.
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© Die Coaches der Fraport AG mit Bischof Georg.
© Auch der Spaß kam nicht zu kurz. Warm-Up nach der Mittagspause.
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© Schnell auf den Punkt kommen und dann mit der Jury im Gespräch sein. Darum ging es beim Pitching.
© Diese Gruppe entwickelte eine App für junge Menschen im Alter von etwa 20 Jahren. Die App sollte nicht nur Angebote der Pfarreien beinhalten, sondern auch eine gegenseitige Vernetzung ermöglichen und hilfreich für den Alltag sein.
© Ein Abenteuer für Kinder im Grundschulalter. Eine Gruppe entwickelte für eine Zielgruppe von Kindern im Alter von sieben Jahren ein Angebot mit Übernachtung und Kirchenrallye.
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© Daniel Dere (l.) und Lena Böhlert (r.) von der KFJ-Taunus organisierten die Zukunftswerkstatt.

Design Thinking ist ein Lösungsansatz zur Entwicklung von Innovationen und Ideen und wird in vielen Wirtschaftsunternehmen zur Produktentwicklung praktiziert. „Das Besondere ist, dass man durch die Brille des Nutzers auf das Problem schaut“, erklärt Julia Schulte-Terboven von der Fraport AG. Der Prozess besteht aus mehreren Phasen und schließt mit einem Pitch. „Wir durchlaufen in relativ kurzer Zeit den gesamten Prozess. Schnell zu Erkenntnissen zu kommen, ist typisch für Design Thinking. Es ist erwiesen, dass Kreativität unter Zeitdruck besser funktioniert.“